WACHSFABRIK Tanztheater spielt mit Schein und Wirklichkeit
Wie eine Hand riesig wird
WACHSFABRIK Tanztheater spielt mit Schein und Wirklichkeit
VON ULRIKE SÜSSER
Rodenkirchen. Am Anfang ist nur ein Knäuel zu erkennen, das da auf dem Boden kauert. Allmählich entwirrt sich das Ganze und zum Vorschein kommen die einzelnen "Bestandteile".
Zwei Tänzerinnen und ein Tänzer lösen sich, entfernen sich voneinander. Und finden doch am Schluss wieder zusammen. Eine Stunde lang tanzen sie. Sie filmen dabei und sie werden gefilmt und sie beziehen auch das Publikum mit ein. Es geht um den Blickwinkel an sich und um die Betrachtungsweise.
"In focus out" ist entsprechend der Titel der neuesten Tanzproduktion der "DIN A 13 tanzcompany", die erstmals im Kunstzentrum "Wachsfabrik" an der Industriestraße aufgeführt wurde.
Durch einen ständigen Perspektivenwechsel entsteht eine völlig neue Sehweise. Allzu Bekanntes, eine Hand etwa, wird riesengroß auf eine Leinwand projiziert, wird hervorgehoben, ja manipuliert. So entsteht laufend durch die Videokunst ein choreografisches Kaleidoskop, eine Vielfältigkeit voller Ästhetik. Mitunter fühlt sich der Betrachter in seiner Wahrnehmung getäuscht durch die Live-Aufnahmen, die zum Teil zeitlich versetzt und verfremdet wieder gegeben werden. Der eine lässt die Verwirrung zu und setzt sich auseinander mit der Frage nach dem Scheinbaren und dem Wirklichen. Der andere genießt einfach das sinnlich-spannende Spiel mit dem Augenfälligen und die Ästhetik der tänzerischen Darstellung.
Die "DIN A 13 tanzcompany" ist international eines der wenigen Ensembles, das sich aus Tänzerinnen mit und ohne körperliche Behinderung zusammensetzt. Gründerin und Choreografin ist Gerda König. Seit 1995 gastiert die Company mit wechselnder Besetzung bei Tanzfestivals und hat Koproduktionen in Bulgarien, Slowenien, Brasilien und Afrika. Bei der aktuellen Aufführung bezog die Tänzerin Elvira Wuttke ihren Rollstuhl gekonnt in den Choreografie mit ein, er wurde zum künstlerischen Bestandteil. Seit einem Unfall im Jahr 2000 hat Elvira Wuttke eine Gehbehinderung. Zuvor tanzte sie Rock ´n´ Roll und orientalischen Tanz. Sie ist jetzt Trainerin einer integrativen Handicap-Tanzgruppe und Leiterin der Landesvertretung NRW beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter.
Ruben Reniers war engagiert beim Saarbrücker und Braunschweiger Staatstheater. Seit 2009 arbeitet er freiberuflich als Tänzer, Choreograf und Lehrer. Vinnie Straniero tanzte am Staatstheater Kassel. Seit 2008 ist sie freiberuflich tätig mit Engagements bei renommierten Choreografen. Die Videokunst wurde von Jürgen Salzmann gestaltet. Er ist Videodesigner, Performer, freiberuflicher Schauspieler und Regisseur.
Auch einige behinderte Zuschauer waren in die Wachsfabrik gekommen. Das Tanztheater, das insgesamt dreimal aufgeführt wurde, war ausverkauft. Produktionsleiter Gustavo Fijalkow lobte die Wachsfabrik als eine "ganz wichtige Produktionsstätte für zeitgenössischen Tanz". Seit ein paar Jahren habe sich der Ort an der Industriestraße am Rande von Köln sehr gut entwickelt.
Das Reale vermischt sich mit seinem Abbild. Die Videokunst spielt eine der Hauptrollen beim Tanztheater in der Wachsfabrik. BILD: Wolfgang Weimer
QUELLE:
http://onlinearchiv.ksta.de/pasks/printView.do?id=KS-02-25-2010-08020078B73BKS

