Beteiligen statt ausgrenzen!
Über das Ziel schießt die Frau mit den wachen Augen bei ihrer Forderung
nach mehr Selbstbestimmung und Teilhabe für behinderte Menschen nicht
hinaus. Aber Inge Paare-Renkhoff kennt die
UN-Behindertenrechts-Konvention (UN-BRK). Sie weiß an welcher Stelle des
Sozialgesetzbuches sie nachschlagen muss und sie lässt sich kein X für
ein U vormachen. Vor allem aber weil das weitschweifige Gerede von der
staatlichen Fürsorge für Behinderte in der Realität oftmals nichts
weiter als Gerede bleibt, engagiert sie sich im "Bundesverband
Selbsthilfe Körperbehinderter". In dieser Funktion nimmt sich Inge
Paare-Renkhoff jener Menschen an, denen die, wie sie betont, "mit
sozialer Kälte formulierten Ablehnungsbescheide deutscher Institutionen
den Lebensmut genommen haben".
"Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass zahlreiche
Behördenmitarbeiter ein ausgeprägtes Abwehrmanagement betreiben",
berichtet Paare-Renkhoff und zählt gleich eine ganze Reihe von Fällen
auf, in denen erst das Einschalten Dritter zum Einlenken der
Leistungsträger führte. "Statt gangbare Wege in ein selbst bestimmtes
Leben aufzuzeigen und das Bemühen um Selbständigkeit und einen
angemessenen Arbeitsplatz zu unterstützen, werden vor Menschen mit
Behinderungen weitere Barrieren aufgebaut", ist ihre Erfahrung. Nicht
selten konnte nur mit Unterstützung von Selbsthilfeeinrichtungen, wie
der Aktion Lichtblicke, Hilfe geleistet werden.
Verwundert ist die ehemalige Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Arbeit
auch darüber, dass in den Bündnissen für Familien keine Rede von
behinderten Familienmitgliedern ist.
Für ein gravierendes Problem hält sie außerdem die Tatsache, dass sich
die staatliche Förderung für Menschen mit Behinderungen vom
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) auf Personen beschränkt, die
entweder im Berufsleben stehen oder in dieses eingegliedert werden
sollen. "Wer nicht mehr oder nicht arbeiten kann, muss sich die
benötigten Hilfsmittel nicht selten erbetteln", weiß
Paare-Renkhoff.Kritisch betrachtet sie auch das Vorgehen der Arge. "Es
darf nicht sein, dass ein Mensch, der einen epileptischen Anfall
erlitten hat und deshalb nicht mehr als Zimmermann arbeiten kann, an
eine betreute Einrichtung für Behinderte verwiesen wird", sagt sie. Ein
solches Vorgehen disqualifiziere die Betroffenen und koste den Staat
unnötig Geld.
Mit der BSK-Kontaktstelle und ihren Mitstreiter will sich Paare-Renkhoff
jetzt auch im Kreis Höxter verstärkt dafür einsetzen, dass Barrieren
zunächst in den Köpfen und dann auch in öffentlichen Einrichtungen
abgebaut werden.
Ihr weiteres Ziel ist die Installation von Behindertenbeauftragten in
allen Kommunen. "Wenn es um Baumaßnahmen und Belange geht, die
Behinderte betreffen, dann möchten wir an den Beratungen beteiligt
werden", sagt Paare-Renkhoff. Und sie fügt hinzu: "Wer im Rollstuhl
sitzt oder blind ist weiß am besten selbst, wo man Barrierefreiheit
vergeblich sucht."
Als Beispiele nennt sie den öffentlichen Personennahverkehr,
Versammlungsstätten für Parteien- und Vereinsveranstaltungen, für
Sehbehinderte nicht zu erkennende Treppenstufen und Absätze in Wegen
sowie für Rollstuhlfahrer nicht erreichbare Lokalitäten und Geschäfte.
Auch dass man bei der Kreisverwaltung den Ansprechpartner in Sachen
"Beratung Familien, Jugendliche und Senioren" findet, behinderte
Menschen aber nicht erwähnt sind, stört sie.
"Menschen mit Behinderungen wollen als Selbstversorger in diese
Gesellschaft integriert und nicht in Heime abgeschoben werden", betont
sie immer wieder. Und sie berichtet von einer jungen Frau im Rollstuhl
aus ihrem Umfeld, der nur durch den persönlichen Einsatz ihrer Eltern
eine Heimkarriere erspart wurde. Sie konnte den Regelkindergarten und
die Regelschule besuchen und jetzt eine weiterführende Schule.
Zwischenzeitlich hat sie den Führerschein erworben und kämpft nun um
finanzielle Unterstützung zum behinderungsbedingten Umbau eines Pkw beim
Landschaftsverband Westfalen-Lippe. "Sie wird mit einigen Hilfsmitteln
einen Beruf ausüben können, ihren Lebensunterhalt verdienen und Steuern
zahlen", sagt Inge Paare-Renkhoff.
Dass Menschen mit Behinderungen um die notwendige Unterstützung kämpfen
müssen, so denkt die engagierte Frau im Rollstuhl, darf es in einem
Staat wie der Bundesrepublik Deutschland und einem Bundesland wie NRW
nicht geben.


